Der Kuss

Foto & Postwork: Morgan MacAilis (Copilot)
Klar, sie hatte seinen Vater geliebt und mit seinem Tod war etwas in ihr zerbrochen, aber das erklärte nicht die Veränderung, die in ihr vorgegangen war.
Den Kopf schüttelnd, als versuche er diese Gedanken abzuschütteln, stand er langsam auf und ging zu der Bank, die verborgen zwischen den Sträuchern stand. In weiter Ferne hörte er einen Vogel singen und lauschte voller Ehrfurcht dem lieblichen Gesang und sein Herz zog sich voller unerfüllter Sehnsucht zusammen.
Plötzlich spürte er, wie eine schemenhafte Gestalt vorsichtig durch den Garten schlich, immer darauf achtend, im Schutz der Bäume zu laufen.
Martiesch lehnte sich etwas vor, um einen besseren Blick haben zu können. Er wusste, dass er nicht zu sehen war, und sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Wer war in seinen Garten eingedrungen, welche Person wagte es, sein Reich zu betreten? Und was hatte derjenige vor? Nichts Gutes, nahm Martiesch an, denn mittlerweile befand die Person sich nur noch einige Schritte von der Bank entfernt und Martiesch konnte erkennen, dass sie die Kapuze des dunklen Umhanges tief ins Gesicht geschoben hatte, um nicht erkannt zu werden.
Aufmerksam betrachtete er die Gestalt. Mit vorsichtigen Schritten, hier und da verharrend und sich suchend umschauend, schlich der Junge weiter. Martiesch war sich sicher, es könne sich nur um einen Jungen handeln, weil er von nicht sehr großem Körperbau war.
Dann passierte es.
Nur noch wenige Schritte voneinander getrennt sprang Martiesch auf und packte nach dem rechten Arm des Eindringlings. Dieser erschrak und stolperte dabei über eine Wurzel. Nach Halt suchend klammerte er sich an den jungen Prinzen, dabei rutschte die Kapuze herunter und Martieschs Herz setzte einen Moment lang aus. Die hellsten Augen, die er jemals gesehen hatte, sahen zu ihm hoch und wie im Traum hob er seine Hand, streichelte sanft über die zarten Wangen und langsam senkte er seinen Kopf und küsste die roten Lippen.
Tivana war ihrem Ziel so nahe. Vorsichtig schlich sie durch die Dunkelheit, die sie wie ein Schutzschild einhüllte.
Bald, dachte sie, bald habe ich es geschafft. Bald kann ich dir helfen. Oh geliebter Freund, halte aus, ich bin so nah am Ziel, ich bringe dir das, was du brauchst, und dann wird alles wieder wie früher.
Suchend sah sie sich um.
Da, dort leuchtete etwas, war es das, von dem ihre Mutter ihr nachts zuvor erzählt hatte? War es die Blume, die sie hier zu finden gehofft hatte, die Blume, von der so vieles abhing?
Alle Vorsicht vergessend eilte sie weiter. Nur noch ein paar Schritte und ich habe es geschafft. Dann geschah es.
Ganz in ihren Gedanken versunken und in freudiger Erwartung machte sie noch einen Schritt auf das Gewächs zu.
Doch plötzlich stand er vor ihr, packte sie am Arm und brachte sie zum Straucheln. Tivana verlor das Gleichgewicht und da sie nicht fallen wollte, klammerte sie sich an das einzige, was ihren Fall noch verhindern konnte.
Schweigend stand sie da, von starken Händen umfangen, die ihr einen Schauer über den Rücken laufen ließen. Ihre Kapuze war von ihrem Kopf gerutscht und Tivana hob den Kopf, um sich dieser neuen Gefahr zu stellen.
Doch dann geschah etwas ganz Unerwartetes.
Der Mann hob seine Hand und berührte sanft ihre Wange, wie verzaubert hielt Tivana still, sie war zu keinen klaren Gedanken mehr fähig. Dann sah sie seine Lippen sich ihren nähern und schloss die Augen. Noch nie war sie geküsst worden und noch nie hatte etwas ihr Herz so berührt. Wie von selbst legten sich ihre Arme um seine Schultern und ihre Hände strichen über seinen Rücken. Wohlige Schauer breiteten sich in ihrem ganzen Körper aus, ihre Knie wurden weich und ihr Herz raste schnell in ihrer Brust.
„Du musst ein Engel sein, der mir vom Himmel gesandt worden ist, um mich zu sich zu holen.“ Leise vernahm sie seine Stimme und öffnete wieder ihre Augen.
Eine leichte Röte hatte sich auf ihr Gesicht gelegt und vorsichtig hob sie eine Hand, um seine Wange zu streicheln.
Was mache ich hier, was geschieht mit mir? Tivana versuchte einen Schritt zurückzutreten, doch es ging nicht, noch immer wurde sie gehalten, an seine Brust gedrückt, in der sie sein Herz im gleichen schnellen Rhythmus wie ihres schlagen spürte. Und ganz langsam berührten sich ihre Lippen und es war so, als wäre Tivana von einem Blitz getroffen worden. Die Welt um sie herum versank und alles wurde schwarz.
Martiesch schüttelte verwirrt den Kopf und sah auf das Mädchen, auf die junge Frau herab, die soeben in seinen Armen ohnmächtig geworden war. Vorsichtig nahm er sie auf seine Arme und trug sie in die Tiefe des Gartens, wo sie niemand sehen konnte.
Wer war sie? Wo kam sie her und was wollte sie hier? Sie sah nicht so aus wie eines der Dienstmädchen seiner Mutter, dazu war sie viel zu lieblich anzusehen. Der junge Prinz tauchte ein Tuch in den Springbrunnen, der sich neben ihm befand, und betupfte damit die Stirn seines Engels. Langsam öffneten sich die Augen und ehe Martiesch wusste, wie ihm geschah, sprang Tivana auf, griff zu ihrem Messer und setzte es ihm an die Kehle.
„Wer bist du? Was suchst du hier, dies ist der Garten des Prinzen und keine Unbefugten dürfen sich hier aufhalten.“ So zu tun, als wäre ich des Prinzen Vertraute, ist meine einzige Chance, hier mit heiler Haut davonzukommen, dachte Tivana bei sich und ignorierte das Gefühl, das sich erneut in ihr ausbreitete.
Sie sah in die Augen des Fremden und wunderte sich über das Strahlen, das darin erkennbar war. Er sollte schließlich Angst haben.
„So, du kennst also den Prinzen?“
„Ja, sehr gut sogar… also gehe jetzt schnell, bevor ich die Wachen rufe und dich abführen…“ Tivana wurde mitten im Satz von dem Lachen des Mannes unterbrochen.
„Okay, kleine Blume, ich werde gehen, aber erst musst du mir einen Abschiedskuss geben.“ Erwartungsvoll schloss er die Augen und Tivana wusste nicht, was sie machen sollte. Sie durfte nicht erwischt werden und dieser Mann konnte womöglich Alarm schlagen, auch wenn sie das Gefühl hatte, er würde es nicht tun, wollte sie doch keinerlei Gefahr eingehen.
„Also gut, aber nur weil du es bist.“ Tivana stellte sich auf Zehenspitzen und berührte ganz kurz seine Lippen mit ihren, schnell sprang sie einen Schritt zurück. Erwartungsvoll blickte sie in das Gesicht, welches ihr wunderschön im Mondenschein erschien.
„Kleine Blume, das war zwar nicht das, was ich mir erhofft habe, aber gut, will ich mich vorerst damit zufriedengeben.“ Lachend drehte sich Martiesch um und ging, doch er hatte nicht vor, dieses zauberhafte Geschöpf aus den Augen zu lassen. Erstens brachte sie sein Herz zum Rasen und zweitens wollte er wissen, was sie in seinem Garten zu suchen hatte. Er versteckte sich also hinter einem Gewächs und verfolgte die Frau mit Blicken.
Tivana atmete erstmal tief durch und freute sich, dass sie so leicht hatte entkommen können. Sie konnte seine Lippen zwar noch immer auf ihren spüren, aber sie hatte keine Zeit mehr. Schnell schlich sie zu der Blume, die ihr so wichtig war, und versuchte, eine Blüte abzuschneiden. Doch es wollte ihr nicht gelingen. Leise vor sich hin fluchend versuchte sie es immer und immer wieder, doch die Blüte wollte einfach nicht abgehen. Schließlich sank sie erschöpft zu Boden, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und fing an zu weinen. So viel hing von ihr ab, doch sie hatte versagt. All die Jahre, in denen sie so vieles gelernt hatte, erschienen ihr umsonst gewesen zu sein. All der Kummer, den sie so lange in sich verborgen hatte, brach aus ihr heraus und ihr Weinen wurde immer lauter.
Martiesch, der nur wenige Meter von ihr im Gebüsch verborgen stand, wusste nicht, was er machen sollte. Vielleicht war es nur eine List seiner Mutter, um ihn in die Knie zu zwingen, er wusste es wirklich nicht. Aber er fasste sich ein Herz, ging auf die weinende Frau zu, nahm sie auf seinen Schoß und wiegte sie so lange hin und her, bis sie sich beruhigt hatte.
„Wer bist du?“ fragte er sie schließlich.
„Warum willst du das wissen? Ich kann es dir nicht sagen. Und nun liefere mich schon den Wachen aus, es ist mir alles egal. Es ist sowieso alles verloren.“ Wieder bildeten sich Tränen in Tivanas Augen, doch sie schämte sich nicht dafür.
„Ich will dich nicht den Wachen übergeben, ich möchte dir helfen, dich trösten, aber du musst mir schon sagen, wie ich dich nennen soll.“
„Nenn mich doch einfach weiter kleine Blume, so hat mich noch nie jemand genannt und es klingt nett.“ Tivana glaubte selber nicht, dass sie gerade diese Worte ausgesprochen hatte, was war mit ihr los? Sie lag in den Armen eines Fremden, weinte sich die Seele aus dem Leib und redete mittlerweile schon so wie Rosaly es immer tat. Verwundert schüttelte sie den Kopf über sich selber. „Also dann, kleine Blume, was bedrückt dich und was suchst du hier im Garten? Wie du schon selber sagtest, haben hier keine Unbefugten etwas zu suchen.“
„Ich… ich…“ Tivana brach ab, sie wusste wirklich nicht, was sie sagen sollte.
„Wer bist du eigentlich?“ fragte sie nach einigen Minuten des Schweigens.
„Ich bin Martiesch.“
„Aber… oh je… jetzt ist wirklich alles aus…“ Tivana wollte aufspringen, sie musste hier weg, sie musste fliehen und einen anderen Weg finden, Erlux zu retten. Doch sie kam nicht weit. Starke Hände umfassten sie abermals, drehten sie um und ihr Schreien wurde mit einem langen Kuss zum Verstummen gebracht....
Das durfte doch alles nicht wahr sein, wie konnte das nur passieren? Das Ziel schon so nah vor Augen und dann dieses Unglück. Die Blüte, die doch so wichtig war, ließ sich nicht vom Busch abschneiden und das war ja noch nicht mal das Schlimmste, der Prinz selber hatte sie erwischt.
Und um allem die Krone aufzusetzen, lag sie in seinen Armen, ließ sich küssen, ja, erwiderte seinen Kuss sogar mit einer Leidenschaft, die sie selber überraschte, und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. So kann es nicht weitergehen. Sie öffnete ihre Augen und versuchte, sich von Martiesch zu lösen, was sich als nicht ganz so einfach herausstellte, denn der junge Prinz dachte gar nicht daran, sie wieder loszulassen.
„Bitte, lass mich los, ich muss gehen.“ Ihre Blicke trafen sich und Tivanas Knie wurden wieder weich und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als von Neuem in seinen Armen zu liegen und die Welt um sich herum zu vergessen, doch das ging leider nicht, denn sie musste ihren Freund retten.
„Sagst du mir jetzt bitte, was du hier zu suchen hast?“ Widerwillig trat Martiesch einen Schritt zurück und wartete geduldig auf eine Antwort.
Tivana kämpfte mit sich, einerseits wollte sie sich ihm gerne anvertrauen, doch andererseits hatte sie Angst vor den Konsequenzen, die ihre Worte unweigerlich nach sich zogen.
„Es tut mir leid, ich kann es dir nicht sagen und wenn du jetzt die Wachen rufst, kann ich es gut verstehen, aber bitte, lass mich gehen und gib mir eine dieser Blüten mit.“ Tivana hoffte, dass sie jetzt nicht zu weit gegangen war, doch schließlich entschied der Prinz, ohne es zu wissen, über Leben und Tod und Tivana hatte keine Zeit mehr, noch in irgendeiner Art zu versuchen, ihm Honig um den Mund zu schmieren. Und zumal sie sowieso eher direkt war, wäre es ihr auch gar nicht gelungen.
Der Prinz betrachtete Tivana, die ihn mit großen Augen bittend ansah. Und zum wiederholten Male fragte er sich, wer sie war und was sie hierher geführt hatte. Doch er erkannte, dass, so sehr er sie auch bedrängen würde, kein Wort über ihre Lippen kommen würde.
„Also gut, ich gebe dir eine Blüte und lasse dich auch unbehelligt deines Weges gehen, aber bitte versprich mir, dass wir uns wiedersehen werden.“
Tivanas Herz machte vor Freude einen Sprung, er wollte sie wiedersehen, doch dann schüttelte sie den Kopf. Was würde es schon bringen, wenn sie sich wiederträfen? Nur Probleme, und davon hatte sie schon genug. Doch würde er sie wirklich gehen lassen, wenn sie ihm diese Bitte wirklich abschlug? Er wollte ihrem Wunsch auch nachkommen und wer weiß, vielleicht irgendwann, wenn alles wieder ins Lot gebracht war, bestand die Hoffnung… Tivana verdrängte diese Gedanken gleich wieder, es gab jetzt Wichtigeres, über das sie nachdenken musste.
„Ich kann dir versprechen, dass wir uns wiedersehen, aber ich kann dir nicht versprechen, dass es sehr bald sein wird.“ sagte sie schließlich ehrlich und hoffte, diese Antwort würde dem Prinzen reichen.
„Damit kann ich mich zufriedengeben, so habe ich wenigstens noch die Hoffnung, dass du eines Tages mehr über dich preisgeben wirst.“ sagte er leise.
„Du wartest hier auf mich, ich hole etwas, womit man die Blüte mit Leichtigkeit abschneiden kann, dann kannst du gehen. Aber nur unter einer Voraussetzung.“
Tivana befürchtete Schlimmes bei seinen Worten.
„Du musst mich zum Abschied küssen, damit die Zeit bis zu unserem Wiedersehen von der Erinnerung deiner lieblichen Lippen verkürzt wird.“
Damit konnte Tivana leben, auch wenn sie nicht wusste, ob sie hinterher stark genug sein würde zu gehen. Denn die Gefühle, die sie schon für ihn tief in ihrem Herzen verspürte, ließen sie nicht mehr los.
Ihm gelang es im Nu, die gewünschte Blüte vom Busch zu schneiden, nachdem er die Schere geholt hatte. Als er sie Tivana reichte, trafen sich ihre Blicke wieder und es schien so, als würde jeder in den Augen des anderen versinken.
„Danke.“ hauchte Tivana und schon lagen sie sich wieder in den Armen und ihre Lippen fanden sich zu einem langen Kuss.
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