Gordim, der Seher

Foto & Postwork: Morgan MacAilis (Copilot)
„Was seht Ihr denn dort oben? Ich kann nichts erkennen.“
„Tivana, ich sehe nichts am Himmel, ich sehe etwas vor meinem inneren Auge.“
Tivana wunderte sich über diese Worte. Nicht, dass sie bezweifelte, dass er etwas sah, doch es irritierte sie, dass er ihren Namen kannte.
„Du kennst mich? Wer bist du? Warum kennst du mich, ich dich aber nicht?“
„Mein Name ist Gordim, und jetzt kennst du mich.“
Über diese Worte konnte Tivana nur den Kopf schütteln. Sie kannte seinen Namen jetzt, aber ihn selbst kannte sie nicht.
„Was siehst du denn vor deinem inneren Auge? Und wieso kannst du etwas sehen, das doch gar nicht da ist?“ Sie fand Gordim seltsam, aber sie ließ sich nicht davon abhalten, weiterzureden. „Ich sehe zwei Gestalten, die ganz in Schwarz gehüllt sind und auf ihren Pferden einer Wolke aus Dunkelheit hinterherreiten.“
„Aha, klingt ja interessant. Und warum machen sie das?“
„Das weiß ich nicht.“
„Auch gut, aber sag mal, Gordim, woher kennst du mich?“
„Ich sah dich.“
„Toll, ich sehe dich gerade auch, aber wenn du mir deinen Namen nicht gesagt hättest, wüsste ich nicht, wie du heißt. Also sag schon, woher kennst du meinen Namen?“ „Ich sah dich, und du sagtest mir deinen Namen.“
Tivana schaute Gordim von der Seite her an. Sie musste ihren Kopf heben, denn er überragte sie um einiges. Dickes blondes Haar fiel ihm bis auf die Schultern, und er hatte sehr breite Schultern. Er strahlte so viel Wärme aus, dass Tivana sich am liebsten an ihn gelehnt hätte, und doch war er seltsam. Seine Gesichtszüge wirkten starr, aber er schien, wenn er nicht gerade etwas sah, das nicht da war, ein sehr attraktiver Mann zu sein.
Nachdem er aufhörte, nach oben zu sehen, bemerkte Tivana, dass er blind war.
„Oh…“
„Tivana, du musst dich jetzt auf den Weg machen. Dein Vater wird dich sicher schon vermissen.“ Mit diesen Worten wandte Gordim sich wieder dem Himmel zu.
Tivana drehte sich um und ging, aber sie war in Gedanken noch immer bei dem blinden Mann, der sie trotzdem schon gesehen hatte. Irgendwann, irgendwo und aus irgendeinem Grund.
Am nächsten Morgen war sie wie immer bei Erlux. Heute wollte er ihr eigentlich etwas über die Schrift der Alten beibringen, doch sie konnte sich nicht konzentrieren. Als er es merkte, fragte er sie, was sie denn so ablenken würde.
„Gestern auf dem Heimweg begegnete ich einem blinden Mann. Er kannte meinen Namen. Ich kann ihn einfach nicht vergessen.“
„Du meinst bestimmt Gordim. Er ist ein Seher, und er verfügt über übersinnliche Kräfte.“
„Aber warum kennt er meinen Namen? Warum hat er mich gesehen? Ich verstehe das alles nicht.“
„Eines Tages, wenn die Zeit gekommen ist, wirst du Antworten auf deine Fragen bekommen, Tivana. Aber noch ist es nicht so weit.“
„Erlux, fange du jetzt nicht auch noch an, komisch zu werden und in Rätseln zu reden. Das wird mir alles zu viel. Ich meine, etwas ist im Busch, ich kann es genau spüren, und dass ich nicht wie andere bin, weiß ich inzwischen auch. Und damit meine ich jetzt nicht, dass ich mehr weiß als andere und mehr verstehen kann. Wann willst du mir endlich sagen, was anders an mir ist? Wann willst du mir endlich sagen, warum du mir die ganzen Sachen beibringst, die sonst kein anderer im Reich außer dir weiß?“
„Tivana, ich kann es dir nicht sagen. Es tut mir wirklich leid, und ich weiß auch, dass ich viel von dir verlange. Aber glaube mir: Alles, was geschehen wird, ist vorbestimmt, und jeder von uns muss seine Bestimmung erfüllen.“
Tivana kannte Erlux so gut, dass sie wusste, er würde ihr nichts mehr sagen. Aber sie hatte eine Idee. Vielleicht würde Gordim ihr weiterhelfen.
Nachdem sie sich den ganzen Tag mit der Schrift abgemüht hatte, und es ihr ausnahmsweise schwerfiel zu lernen, machte sie sich auf die Suche nach dem Seher. Doch sie konnte ihn nirgends finden. Und auch an den darauf folgenden Abenden nicht.
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