Burg Merages

Foto & Postwork: Morgan MacAilis (Gemini)
Sie begab sich in die Halle, um ihr Frühmahl zu nehmen, und sie konnte es kaum noch erwarten, dass es nachmittags würde, denn dann würde der König von seiner Reise zurückkehren. Der kleine Martiesch spielte vergnügt am Ende des Tisches, auf allen Vieren kriechend, mit einem kleinen Hund, und die Königin ließ ihn gewähren, auch wenn es sich eigentlich für einen Prinzen nicht ziemte.
Plötzlich kam Unruhe auf.
Zwei Ritter betraten die Halle. Sie boten einen erschreckenden Anblick, ihre Rüstungen waren verbeult und überall sah man Blut. Schnell sprang Bojan auf, denn sie erkannte in den Rittern die beiden treuesten Gefolgsleute ihres Mannes.
„Was ist geschehen? Sir John, so sprecht doch. Wo ist mein Mann?“ Als dieser nicht sofort sprach, schüttelte die Königin ihn, schließlich begann er stockend zu erzählen.
Als der König und seine Truppe gerade von ihrer Reise zurückkommen wollten, gerieten sie in einen Hinterhalt und der König wurde tödlich verwundet. Nähere Einzelheiten erfuhr die Königin erst später, denn sie fiel in Ohnmacht, als sie von dem grausamen Mord an ihrem geliebten Mann erfuhr.
Und in diesem ganzen Durcheinander achtete niemand auf den kleinen Jungen, der schweigend in einer dunklen Ecke saß und tapfer versuchte, seine Tränen zurückzuhalten und in seinen Armen einen kleinen Hund hielt....
Am nächsten Tag sah man die Königin nicht, und auch an den darauffolgenden nicht. Zur Beerdigung sah man sie auch nicht wirklich, denn ihr Gesicht war unter einem schwarzen Schleier verborgen. Da alle wussten, wie schwer sie das Schicksal getroffen hatte, machte sich zunächst auch keiner Sorgen darum, dass sie ihren Sohn vernachlässigte, doch als aus den Tagen Wochen wurden und der kleine Junge noch immer nicht von seiner Mutter getröstet wurde, munkelte man doch schon etwas. Aber niemand außer Sures hatte den Mut, zur Königin zu gehen und ihr seine Verärgerung über ihr Verhalten ins Gesicht zu sagen.
Auch nach diesem Gespräch kümmerte sie sich nicht um ihr Kind und Sures war von dem Tag an in sich gekehrt, redete mit niemandem über das, was sich im Zimmer der Königin zugetragen hatte. Aber er wich fortan nicht mehr von der Seite des Prinzen.
Und so wurden die beiden sehr vertraut miteinander. Martiesch sah so etwas wie einen Vater in Sures und war froh, dass er jemanden hatte, der ihm Liebe schenkte.
Eines Nachts wachte Martiesch auf. Verängstigt, weil er einen Alptraum gehabt hatte, wollte er bei seiner Mutter Trost finden. Als er in ihr Zimmer schlich, fand er sie zusammengekauert auf dem Boden sitzend, umgeben von schwarzen Kerzen, die sie kreisförmig um sich aufgebaut hatte. Die leisen Worte, die sie vor sich hin flüsterte, konnte er nicht verstehen, aber nachdem er sie ansprach, sah sie ihn mit so kalten, hasserfüllten Augen an, dass es ihm bis in die Knochen kalt wurde und er schnell aus dem Zimmer rannte.
Diesen Blick konnte er einfach nicht vergessen. Tief in seinem Inneren wusste er, dass mit seiner Mutter etwas Schreckliches geschehen war, doch er war noch zu jung, um es zu verstehen. Aber eins wusste er: Er würde nie wieder in das Zimmer seiner Mutter gehen und auch mit niemandem über diesen Vorfall reden. Selbst mit Sures nicht, dem er bis dahin alles anvertraut hatte.
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