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Foto & Postwork: Morgan MacAilis (Copilot)
Das ging jetzt ja wirklich zu weit, ein paar Küsse und du denkst an Liebe? Tivana, was ist nur mit dir los? Dir fehlt bestimmt nur Schlaf, ja, das war es.
Der Morgen graute schon, aber sie wollte jetzt keine Rast einlegen, denn ihre Mutter hatte ihr gesagt, dass die Blüte ihre Wirkung nicht lange genug erhalten könnte, wenn sie erstmal nicht mehr mit dem Geäst verbunden war. Also ging sie weiter.
Gleich habe ich es geschafft, nur noch wenige Schritte und ich bin beim Friedhof, dachte Tivana gerade, als sich ihr jemand in den Weg stellte und sie erschrocken zusammenzuckte. Da war er wieder, Scharboss, und starrte sie mit seinen roten Augen gierig an.
„Ach nee, wen haben wir denn hier wieder, den kleinen Leckerbissen, der mir letztens durch die Lappen gegangen ist.“ Grinsend trat er einen Schritt auf sie zu.
„Verschwinde, Scharboss, ich habe jetzt echt keine Lust auf deine Spielchen. Geh mit deinen Dämonen spielen oder stürz dich meinetwegen von irgendeinem Berg.“ Tivana war viel zu müde, um Angst zu haben.
„Wenn ich ausgeschlafen bin, komm ich wieder und werde dir zeigen, wie ungenießbar ich bin.“ Sie ging einfach weiter und ließ den sprachlosen Dämon stehen.
„Also wirklich, das gibt es doch nicht, wird auch noch frech, die Kleine.“ brummte Scharboss, als er sich endlich wieder gefasst hatte, und gerade als er sich das Mädchen packen wollte, verspürte er einen brennenden Schmerz in seiner Schulter. Schreiend drehte er sich um, doch das merkte Tivana längst nicht mehr, denn sie war schon außer Hörweite.
„Verdammt, was fällt dir ein?“ Finster starrte der Dämon auf seinen Gegner herab, berührte seine Schulter, aus der er heißes, grünes Blut herauslaufen fühlte.
„Parimus, wer auch wohl sonst. Spielst du dich wieder mal als Beschützer der unnützen Menschen auf? Du lernst es wohl nie. Brüderchen, diesmal hast du es zu weit getrieben, du kommst nicht mehr mit einem blauen Auge davon, ich werde dir dein verdammtes Dämonenleben aushauchen.“
„Scharboss, glaubst du, ich habe vor dir Angst.“
„Nein, du magst vielleicht keine Angst haben, aber das zeigt mir nur, wie dumm du doch bist. Denn ich bin nicht nur größer und stärker als du, ich habe auch den Magier hinter mir stehen, und wenn du nicht aufpasst, wirst du seinen Zorn zu spüren bekommen, wenn ich noch etwas von dir übriglassen sollte.“
Parimus wusste, dass Scharboss’ Worte der Wahrheit entsprachen, doch er konnte nicht einfach tatenlos zusehen, wie sein großer, grausamer Bruder sich an einem unschuldigen Menschen vergriff. Und so fing eine Schlacht an, die über Stunden gehen konnte, ohne dass ein Ende in Sicht sein würde.
In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Er musste sich ganz schnell überlegen, was er machen wollte: sie einfach so gehen lassen oder ihr unauffällig folgen? Letzteres würde natürlich nicht gerade leicht sein, er war nun mal der Prinz und nicht irgendein Mann, der in der Menge untertauchen konnte. Und der Magier versuchte schon des Längeren, ihn in seine Gewalt zu bekommen. Aber er wusste genau, wenn er sein Herz zur Ruhe kommen lassen wollte, so musste er dieses Risiko in Kauf nehmen.
Als Martiesch den Garten verließ, holte er nicht nur die Schere, sondern packte noch die alten, abgetragenen Sachen zusammen, die er trug, wenn er sich mal wieder heimlich auf die Suche nach seltenen Pflanzen machte. Dieses Bündel versteckte er nicht weit von der wartenden Tivana entfernt in der Nische eines Springbrunnens, von denen es einige in seinem Garten gab, und ging dann mit der Schere in der Hand zu der jungen Frau zurück.
Später, als sie sich mit der Blüte aufmachte, zog er sich hastig um, versteckte seine guten Sachen wieder und schlich ihr leise nach. Da er nicht entdeckt werden wollte, achtete er darauf, dass der Abstand zwischen ihnen sehr groß war, jedoch nicht so groß, dass er sie aus den Augen verlieren konnte. Und während er ihr so folgte, fragte er sich, was sie für eine Wirkung auf ihn hatte. Er hatte alles so einfach stehen und liegen lassen und nicht mal Sures Bescheid gegeben, dass er für ein paar Tage nicht im Schloss sein würde. Martiesch wusste allerdings, dass sein treuer Freund sich keine Sorgen machen würde, denn er wusste, dass der Prinz des Öfteren von einer Sehnsucht gepackt wurde, die ihn durchs Land wandern ließ, auf der Suche nach Ruhe und Frieden.
Plötzlich hörte er Schwerter aufeinandertreffen und seine Augen suchten wie gehetzt die Frau, die er verfolgte. Er fand sie schließlich etliche Meter vor sich und anscheinend bemerkte sie den Aufstand nicht, der sich hinter ihrem Rücken abspielte, denn sie setzte ihren Weg einfach fort.
Was sollte er machen? Sich einmischen? Oder versuchen, ohne bemerkt zu werden, den Kampf zu umrunden und dem Mädchen weiter zu folgen? Schließlich siegte sein gutes Herz. Er zog sein Schwert und stellte sich den beiden Kämpfenden in den Weg.
„Was geht hier vor?“
Scharboss und Parimus fuhren schreckhaft auseinander. Sie hatten beide ihre Umgebung vergessen, doch die laute Stimme drang in ihr Bewusstsein. Sie erkannten den Prinzen nicht an seinem Aussehen, dazu sah er viel zu gewöhnlich in seinen abgetragenen Klamotten aus, doch seine Stimme gab ihn zu erkennen. Denn diese Stimme hatten sie oft zu Ohren bekommen, vor allem Scharboss, der oft an der Seite des Magiers stand, wenn dieser in seinem Orakel nach dem Geschehen in der Burg schaute.
Parimus fiel die Kinnlade herunter und er wusste nicht, was er sagen sollte. Wie kam es, dass der Prinz hier war, weit weg vom Schloss, weit weg von seiner Mutter?
Scharboss jedoch stellte sich diese Fragen nicht, denn er hatte mitbekommen, dass der Prinz keinerlei Gefühle seiner Mutter gegenüber hegte und des Öfteren das Land bereiste. Er sah seine Chance, in den Augen des Magiers noch mehr Ruhm zu erlangen, indem er Martiesch gefangen nahm.
Hastig riss er sein Schwert hoch und wollte es dem Prinzen über den Kopf schlagen, doch dieser und auch Parimus reagierten schnell und schon bald erkannte Scharboss, dass er gegen beide zusammen keine Chance hatte. Sehr sauer zog er ab und bedachte seinen Bruder noch mit einem bösen Blick.
Martiesch reichte dem freundlichen Helfer seine Hand und dieser nahm sie schweigend und auch verwundert entgegen. Der Prinz bedankte sich bei ihm? Bei einem Dämon? Und wie war er eigentlich dazu gekommen, diesem Mann zu helfen? Er hatte schon reichlich Ärger wegen dem Streit mit seinem Bruder, aber jetzt auch noch dem Prinzen zu helfen und sich damit gegen den Magier zu stellen… dass das ein böses Nachspiel für ihn haben würde, war Parimus klar, aber er konnte nix daran ändern und wenn er ehrlich war, er hatte aus einem Impuls heraus gehandelt, doch würde es jederzeit wieder so machen. Dann bemerkte er, wie der Prinz sich suchend umsah und fragte ihn, wonach er denn Ausschau halten würde. Die Antwort überraschte ihn nur zum Teil, denn er wusste, was Tivanas Anblick bei einem Mann, und sei es auch nur ein Dämon, bewirken konnte. Da er sich keine Chancen bei dem Mädchen seines Herzens ausmalen konnte und den Prinzen für einen guten Menschen hielt, konnte er, ohne eifersüchtig zu werden, sagen, um wen es sich bei der Gesuchten handelte.
Die beiden setzten sich etwas abseits des Friedhofes in den Schatten eines Baumes und unterhielten sich lange miteinander und keiner von beiden bemerkte, wie die Sonne langsam versank und die Sterne hoch am Himmel anfingen zu leuchten.
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