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Der Hinterhalt
- kein weg zurück -

Der Hinterhalt
Foto & Postwork: Morgan MacAilis (Copilot)

Wie jedes Jahr zu dieser Zeit hatte die Königin das Dorf zum Fest eingeladen. Eigentlich wollte dort ja keiner hin, aber die Angst vor der Rache der Königin war doch stärker als die Angst vor dem, was auf dem Schloss alles passieren könnte. Nur Tivana freute sich schon auf den Tag, denn für sie war es ein weiteres Abenteuer. Und sie fragte sich, ob sie den Prinzen wohl treffen würde, über den alle sagten, er wäre anders wie seine Mutter.
Vater und Tochter machten sich also auf den Weg und redeten darüber, was sie morgen alles zusammen unternehmen wollten. Tief im Gespräch versunken bemerkte keiner von beiden die dunkle Gestalt, die ihnen folgte. Gerade hatten sie den Turm hinter sich gelassen, ohne auch nur einen Dämon zu sehen, und erleichtert atmete Tarian auf. Doch schon in der nächsten Sekunde traf ihn ein Pfeil in der Schulter und er sank zu Boden. Tivana kniete sich zu ihrem Vater. Sie sah eine Menge Blut aus der Wunde laufen. Tarian war ohne Bewusstsein. Das Mädchen hatte Angst, doch sie wusste, sie musste stark sein. Schnell griff sie zu ihrem Schwert, es war zwar nur klein, aber es war das einzige, was sie zur Verteidigung bei sich trug.
Sich nach allen Seiten umblickend sprang sie auf, doch sie konnte niemand erblicken. Verwirrt fragte sie sich, was geschehen war, wer konnte ihren Vater verletzt haben. Er war doch ein herzensguter Mann, tat keinem Menschen etwas und jeder mochte und respektierte ihn im Dorf.
In einem etwas vom Weg abgelegenen Busch raschelte es. Tivana machte einen Schritt in die Richtung des Geräusches, als sie plötzlich zwei starke Arme um ihre Taille spürte. Sie versuchte sich umzudrehen, um zu sehen, wer sie festhielt, doch ihr wurde ein Sack über den Kopf gestülpt. Dann merkte sie, wie sie hochgehoben wurde und wie der Angreifer sie über seine Schulter legte, wobei er nicht gerade sanft mit ihr umging.

„Ich muss meine Hände befreien, dann habe ich eine Chance zu entkommen“, dachte Tivana. Doch sie schaffte es nicht. Mit all ihrer Kraft wehrte sie sich, dann verspürte sie einen Schmerz an ihrem Kopf und alles um sie herum wurde schwarz.
Langsam kam das Mädchen wieder zu sich. Inzwischen wurde sie nicht mehr getragen, sie lag auf einer Art Lager. Man hatte ihre Hände verbunden und auch ihre Augen. Unter sich spürte sie hartes Stroh und leise vernahm sie Stimmen, die aufgeregt miteinander sprachen, aber sie konnte die Worte nicht verstehen. Tivana dachte an ihren Vater und sie hatte Angst, dass sie ihn nie wieder sehen würde. Was sollte sie jetzt machen, wo war sie, wer hatte sie hierhin gebracht. Viele Fragen, doch keine Antworten. Tivana beschloss erstmal so zu tun, als wäre sie noch immer ohne Bewusstsein.
Es schienen mittlerweile Stunden vergangen zu sein. Tivana hatte jedes Zeitgefühl verloren. Die Stimmen hatten schon vor langer Zeit aufgehört zu reden und keiner kümmerte sich um das Mädchen, was dieses auch gut fand, denn so hatte sie Zeit, sich einen Plan zurechtzulegen. Und obwohl sie erst siebzehn war, würde sie niemals so einfach aufgeben. Ihr Vater hatte ihr viele Tricks beigebracht und diese würde sie auch anwenden, um sich zu befreien. Schritte waren zu hören. Angestrengt lauschte Tivana. Grobe Hände, die sie hochrissen, waren das nächste, was sie spürte.
„So, das ist sie also. Aber niemals wird sie die Prophezeiung erfüllen, sie ist in meiner Gewalt und ich werde dafür sorgen, dass sie das Tageslicht nie wieder erblickt. Dann wird Agraxas mir auf ewig dankbar sein und tief in meiner Schuld stehen. Auch wenn er noch nix von alledem weiß, was diesem Kind in die Wiege gelegt worden ist. Armes Mädchen, so jung und schon dem Tode geweiht.“ Grausam erklang das Lachen in Tivanas Ohren.
Kalte, klauenähnliche Hände legten sich um ihren Hals und drückten zu, doch dann, Tivana bekam fast keine Luft mehr, hielten sie inne. Sekunden später konnte sie wieder sehen, doch was sie sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.

Kaum größer als sie selbst stand ein Wesen vor ihr, das der Hölle entsprungen schien. Über den ganzen Körper waren Warzen verteilt, aus denen irgendein widerlich stinkendes Zeug lief. Die Augen lagen in tiefen Höhlen. Das rechte Ohr fehlte, das linke war völlig zerfetzt. Und der Mund war nur ein schwarzes Loch, aus dem Speichel tropfte. Angewidert drehte Tivana ihr Gesicht zur Seite. Aus dem Blickwinkel sah sie, wie sich eine lange schwarze Zunge aus dem Loch schlängelte und die gespaltene Spitze ihre Wange entlangfuhr.
„Was? Kannst meinen Anblick nicht ertragen? Macht auch nix, bald bist du davon für immer erlöst, Prinzessin, aber erst werde ich meinen Spaß mit dir haben. Deine Schmerzschreie werden mein Herz höher schlagen lassen und dein Angstschweiß wird mich betören. Oh ja, Spaß werde ich haben. Und dann, wenn du die Schmerzen nicht mehr ertragen kannst und um Gnade winselst, dann werde ich dich mit Haut und Haaren fressen. Und du wirst mir schmecken. Dein Fleisch ist weich und zart.“
Eine Hand legte sich auf ihre Brust.
„Und dein Herz ist jung und kraftvoll. Es wird mein Lebenselixier sein, es wird mir Schönheit und Jugend schenken.“ Wieder war ein Lachen zu hören und Tivana wünschte sich, sie würde in Ohnmacht fallen. Doch sie fand keine Erlösung und das Wesen sprach immer weiter und schürte damit ihre Angst ins Unermessliche. Überall konnte sie seine widerliche Zunge spüren und auch seine Hände kamen nie zur Ruhe und er ging nicht sanft mit ihr um. Ihre Arme waren schon mit blauen Flecken übersät und der Schleim, der von seiner Zunge auf ihre Haut tropfte, brannte wie Feuer.
Ja, sie hatte Angst und er genoss es. Aber niemals würde sie anfangen zu weinen oder zu schreien, keine Schwäche würde sie zeigen. Wenn sie doch nur entkommen könnte, aber obwohl ihre Augen nicht mehr verbunden und auch ihre Hände nicht mehr gefesselt waren, sah sie keine Möglichkeit zur Flucht.
Wieder wurde ihr Hals zugedrückt und nach und nach verschwamm ihr alles vor Augen.
„Oh nein, meine Süße, noch hast du nicht genug und ich auch nicht, noch bin ich nicht mit dir fertig. Schrei, zeig mir deine Angst.“ Aber Tivana weigerte sich und das Wesen wurde sauer.
„Du wagst es, dich mir zu widersetzen? Meinst du, du bist stärker wie ich? Ha, du wirst schon sehen, was du davon hast.“ Seine Hände veränderten sich, wo vorher noch Fingernägel waren, bildeten sich jetzt Krallen. Diese schnitten tief in Tivanas Fleisch und hinterließen blutige Spuren. Aber das Mädchen biss weiter die Zähne zusammen. Sie war zwar schon mehr tot wie lebendig, doch ihr Verstand sagte ihr, wenn sie lange genug schweigen würde, hätte sie eine Chance.
Nach einer weiteren halben Ewigkeit der Qualen fiel Tivana schließlich in eine erlösende Dunkelheit. So bekam sie auch nicht mehr mit, was sich ereignete.
„Wie geht es ihr? Wird sie es schaffen? Wir dürfen sie einfach nicht verlieren.“ Leise drangen diese Worte in ihr Bewusstsein. Und langsam öffnete sie die Augen. Um sie herum war alles in abendlichem Blau versunken. Sie konnte Bäume erkennen und zwei Gestalten, die neben ihr knieten. Voller Schrecken kam die Erinnerung zurück und Tivana sprang hastig auf, doch diese Bewegung war zu viel für ihren geschundenen Körper und sie sank wieder ohnmächtig zu Boden.
In den nächsten Stunden wurde ihr bitterkalt und gleich darauf kochend heiß. Zwischendurch wurde sie immer wieder wach, doch nie lange genug, um zu verstehen, was los war und wo sie sich befand. So vergingen Tage.
„Kind, werde wach.“ Sanft strich ihr jemand die Haare aus dem Gesicht.
„Tivana, hörst du mich?“
„Ja. Tivana erkannte ihre eigene Stimme fast nicht wieder. Nachdem man ihr einen Becher Wasser an die Lippen hielt und sie etwas getrunken hatte, löste sich der Knoten in ihrem Hals.
„Du brauchst keine Angst mehr haben, der Dämon kann dir nix mehr anhaben und auch niemand anderem mehr, wir haben ihn besiegt.“
„Vater? „Es tut mir leid, aber für ihn kam alle Rettung zu spät.“
Eine Träne bildete sich in Tivanas Augen, rollte langsam ihre Wange herunter und fiel schließlich auf ihre Hand. Dort blieb sie liegen und das Licht der untergehenden Sonne brach sich in ihr.
„Ich weiß, es tut weh, aber du bist am Leben und das ist das Wichtigste, auch wenn du es jetzt noch nicht verstehen kannst. Tivana, du musst stark sein und ich weiß, du kannst es. Versuche zu verstehen, dass einiges geschehen muss und dass keiner es abwenden kann.“
All das interessierte das Mädchen nicht. Sie war alleine, hatte alle verloren, ihre Mutter, ihre Tante und jetzt auch noch ihren Vater. Wie sollte es denn nun weitergehen. Wie betäubt stand sie mit schwachen Beinen auf, drehte sich um und verließ langsam den Wald. Später konnte sie nicht mehr mit Sicherheit sagen, wie sie ihren Weg nach Hause gefunden hatte....
Ihr Vater war mittlerweile zu Grabe getragen worden und ruhte in Frieden neben seiner geliebten Frau Fairles. Jeder war zwar neugierig, wo das Kind so lange gesteckt und wer den Vater getötet hatte, doch niemand sprach Tivana darauf an. Denn man konnte spüren, dass sie nicht darüber reden wollte. Und da sie kein Kleinkind mehr war, ließ man sie alleine im Haus ihres Vaters leben.
Erlux besuchte sie weiterhin und sie lernte verbissener wie je zuvor, doch auch mit ihm sprach sie über den Mord an ihrem Vater nicht und auch nicht über die Zeit ihres Verschwindens.