"Gleich hinter der Grenze zwischen Wachsein und Schlafen befindet sich ein geheimes Land."
Dies waren die einzigen Worte ihrer Urgroßmutter Pepermint, an die
Linaraa sich erinnern konnte. Und es hatte lange gedauert, bis sie hinter ihren Wahrheitsgehalt kam. Ja, dieses Land gab es wirklich, sie hatte es für sich entdeckt. Es war ein Ort von unbeschreiblicher Schönheit und gleichzeitig erschreckend. Die Landschaften waren atemberaubend, mit endlosen Wiesen, die von einem Meer aus bunten Blumen übersät waren, und majestätischen Bergen, deren Gipfel die Wolken zu berühren schienen. Doch ebenso beeindruckend waren die Schattenseiten dieses Landes, die dunklen Wälder, die voller unbekannter Gefahren lauerten, und die stürmischen Meere, die unvorhersehbar wüteten. Alles schien flüchtig und wandelbar, als ob die Gesetze der Realität hier ihre Gültigkeit verloren hätten. Die Farben waren intensiver, die Geräusche klarer, aber auch die Gefühle waren verstärkt.... Freude fühlte sich euphorisch an, doch Traurigkeit konnte in bodenlose Tiefen reißen.
Linaraa hatte dies von Anfang an gespürt, als sie ihre ersten Schritte in dieser fantastischen Welt gemacht hatte. Ein Reich voller Gegensätze, in dem man leicht ins Trudeln geriet und den Halt verlor. Wenn dies geschah, so kostete es einiges an Mühe, um wieder zurück in die Realität zu finden.

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Als
Linaraa gerade mal fünf Jahre alt war, erlebte sie etwas, das alle in ihrem Umfeld zutiefst erschütterte und gleichzeitig Rätsel aufgab. Eines Tages wachte sie einfach nicht mehr auf und fiel in einen tiefen, unerklärlichen Schlaf, der weder von Schmerzen noch von Krankheit begleitet war. Während dieser Zeit, ganze drei Wochen klang, verbrachte ihr Geist in diesem mysteriösen Zwischenreich.
Ihre Mutter war von unermesslicher Sorge erfüllt. Jeden Tag saß sie am Bett ihrer Tochter, hielt deren kleine Hand und hoffte verzweifelt auf ein Zeichen des Erwachens. Zahlreiche Ärzte wurden zu Rate gezogen, Spezialisten aus verschiedenen Teilen des Landes kamen und gingen, doch keiner von ihnen konnte eine Erklärung finden. Sie untersuchten
Linaraa gründlich, stellten fest, dass ihr Körper einwandfrei funktionierte und es keinerlei gesundheitliche Beeinträchtigungen gab. Dennoch blieb sie in diesem tiefen Schlaf. Die Familie klammerte sich an jede Hoffnung, suchte Trost in alten Geschichten und Weisheiten der Ältesten. Manche sagten, dass
Linaraa in eine andere Dimension gereist sei, dass ihre Seele in einem anderen Reich wandelte, während ihr Körper hier zurückblieb. Andere flüsterten von alten Flüchen und magischen Kräften, die sie gefangen hielten. Doch niemand konnte wirklich sagen, was geschehen war.
Und dann, ganz plötzlich, nach drei langen Wochen des Wartens und der Ungewissheit, geschah das Wunder. Ohne Vorwarnung schlug
Linaraa die Augen auf, sah sich um und blickte direkt in das besorgte Gesicht ihrer Mutter. Ihre Mutter, die vor Freude und Erleichterung kaum atmen konnte, sah ihre kleine Tochter an, die nichts weiter sagte als: „
Ich habe Hunger.“
Diese einfachen Worte brachten eine Welle der Erleichterung und des Jubels über die Familie. Die Ärzte, die keine Erklärung für dieses plötzliche Erwachen hatten, sahen es als ein Wunder an.
Linaraa jedoch erinnerte sich an die Tage, die sie in jenem geheimnisvollen Zwischenreich verbracht hatte, eine Welt voller Schönheit und Schrecken. Instinktiv wusste sie, dass sie niemandem von ihren geheimnisvollen Traumreisen erzählen durfte. Ihre Erlebnisse waren zu seltsam, zu fantastisch, um von den Menschen in ihrer realen Welt verstanden zu werden. Also schwieg sie. Von da an reiste sie fast jede Nacht zu diesem faszinierenden Ort, dessen Existenz sich wie ein geheim gehütetes Mysterium in ihr Herz eingebrannt hatte.
In ihrer Traumwelt gab es so vieles zu entdecken und zu erleben. Jedes Mal, wenn sie in diese andere Dimension trat, wurde sie von der atemberaubenden Vielfalt empfangen, die ihr dort geboten wurde. Fremdartige Wesen und Geschöpfe bewohnten diese Welt, jedes mit seinen eigenen Eigenschaften und Geheimnissen. Sie begegnete majestätischen Kreaturen, die sanftmütig und weise waren, sowie kleineren, verspielten Wesen, die vor Energie und Lebensfreude sprühten. Jede Begegnung war einzigartig und lehrte sie neue Dinge über diese faszinierende Welt. Die Vegetation war völlig anders als alles, was sie in ihrer Heimat kannte. Die Bäume hatten schillernde Blätter, die in allen Farben des Regenbogens leuchteten und zarte Melodien summten, wenn der Wind hindurchwehte. Die Blumen besaßen eine Leuchtkraft, die im Zwielicht der Dämmerung erstrahlte und ihren Weg erhellte, wo immer sie auch hintrat. Der Boden war bedeckt von einem weichen, moosartigen Teppich, der bei jedem Schritt sanft nachgab und ein beruhigendes Gefühl von Geborgenheit vermittelte. In dieser Welt schien es weder Tag noch Nacht zu geben, sondern nur die Zeiten dazwischen, die Dämmerung, die Morgendämmerung und die sanfte Stille der Zwischenstunden. Diese Übergangszeiten schufen eine Atmosphäre der ewigen Ungewissheit, in der die Grenzen zwischen Realität und Traum verschwammen.
Linaraa fühlte sich oft wie in einem endlosen Tanz aus Licht und Schatten, der sie umhüllte und in eine andere Realität entführte.
Während ihrer nächtlichen Reisen lernte sie die Eigenarten dieser Welt immer besser kennen. Sie erkundete geheimnisvolle Höhlen, deren Wände von uralten Runen bedeckt waren, und folgte versteckten Pfaden, die sie zu verborgenen Lichtungen und glitzernden Seen führten. Doch trotz all ihrer Entdeckungen und Abenteuer in dieser Welt wusste
Linaraa, dass sie vorsichtig sein musste. Die schiere Schönheit und das überwältigende Wunder dieser Dimension konnten leicht dazu führen, dass man den Halt in der Realität verlor. Sie hatte es selbst erlebt, als sie ganz am Anfang ihrer Erkundungen die Kontrolle über ihre Sinne verlor und in die Tiefen dieser Welt gesogen wurde. Es kostete sie unendlich viel Mühe und Willenskraft, um wieder zurückzufinden. Diese Erfahrung hatte sie vorsichtiger und respektvoller gegenüber den Kräften dieser Traumwelt gemacht.
Die Zeit, die
Linaraa in ihrer geheimnisvollen Traumwelt verbrachte, prägte sie tief. Sie sah, hörte und spürte Sachen, die anderen verborgen blieben. Und sie spürte Energien und Gefühle, die in ihr Fähigkeiten weckten, für die es in der realen Welt keinen Namen gab. Diese Erfahrungen gaben ihr das Gefühl, dass ihre nächtliche Traumwelt keine separate Existenz war, sondern vielmehr eine Erweiterung ihres eigenen Daseins. Diese Welt und ihr reales Leben waren eng miteinander verwoben, und sie fühlte sich gleichermaßen in beiden zuhause.
Linaraa hatte keine Schwierigkeiten, ihre Traumreisen für sich zu behalten. Sie wusste instinktiv, dass die Geheimnisse, die sie entdeckte, nicht mit anderen geteilt werden konnten, ohne Missverständnisse oder Skepsis hervorzurufen.
Trotz ihres Geheimnisses und ihrer nächtlichen Abenteuer war sie in vielen Dingen ein ganz normales Mädchen, das dieselben Träume und Hoffnungen hegte wie jedes andere Mädchen in ihrem Alter auch. Sie verbrachte viel Zeit mit ihren Freundinnen, und gemeinsam unternahmen sie zahlreiche Abenteuer. Sie sonderte sich niemals ab und wurde von ihren Mitmenschen nicht als komisch empfunden. Nicht, dass ihr das etwas ausgemacht hätte – sie wusste, dass ihre nächtlichen Erlebnisse sie zu etwas Besonderem machten, aber es war ein Geheimnis, das nur ihr gehörte.
In der Schule galt
Linaraa als etwas vorlaut und sehr direkt. Ihre offene Art und ihr Mut, ihre Meinung zu sagen, machten sie bei ihren Mitschülern sehr beliebt. Es fiel ihr leicht, als Schülersprecherin gewählt zu werden, denn ihre Mitschüler schätzten ihre Fähigkeit, für ihre Belange einzustehen und gleichzeitig freundlich und zugänglich zu sein.
Heimlich schwärmte sie für den besten Freund ihres Bruders, einen Jungen, der mit seinen neunzehn Jahren vier Jahre älter als sie war. Ihre Schwärmerei blieb jedoch unerwidert, denn der junge Mann beachtete sie nicht, wahrscheinlich auch wegen des Altersunterschieds.
Linaraa führte ein Doppelleben, das sie meisterhaft balancierte. Während sie tagsüber ein normales Leben führte, in dem sie lachte, lernte und liebte, entdeckte sie nachts eine Welt, die ihre Fantasie und ihre Fähigkeiten weit über das hinaus entfaltete, was die Realität bieten konnte. Jede Nacht war ein neues Abenteuer, und jede Begegnung in ihrer Traumwelt bereicherte sie und formte ihren Charakter. Diese nächtlichen Erfahrungen stärkten ihr Selbstbewusstsein und gaben ihr die Kraft, den Herausforderungen des täglichen Lebens mutig entgegenzutreten. Die Verbindung zwischen den beiden Welten war für
Linaraa eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und der Stärke. Sie wusste, dass sie etwas Besonderes in sich trug, und auch wenn sie das Geheimnis ihrer nächtlichen Reisen nie offenbarte, trug sie die Weisheit und die Lektionen, die sie dort lernte, stets in ihrem Herzen. Das Geheimnis dieser Traumwelt war ein Schatz, den sie bewahrte und der ihr half, ihre eigene Realität mit neuen Augen zu sehen und zu gestalten.